Monday, 14 January 2013

mit der dunklen Strenge

Maurice Blanchot : Der Name Berlin Wir verfügen inzwischen über eine große Anzahl von Schriften über die Situation von Berlin. Erstaunlicherweise muß ich feststellen, daß es unter all dem zwei Romane gewesen sind, die es, zumindest für die Nicht-Deutschen, möglich gemacht zu haben, sich auf die beste Art und Weise dieser Situation anzunähern: zwei Romane, die weder politisch noch realistisch sind. Ich werde das Verdienst nicht nur dem Talent von Uwe Johnson zuschreiben, sondern der Wahrheit der Literatur. Die Schwierigkeit, selbst (und besser gesagt) die Unmöglichkeit für den Autor, Bücher wie diese zu schreiben, in denen die Teilung ins Spiel gebracht wird -- und daher die Notwendigkeit für ihn, jene Unmöglichkeit einzuhlen, indem er sie schreibt und in der Schrift: das ist es, was die literarische Operation so in Einklang mit der Einzigartigkeit von Berlin gebracht hat, gerade vermöge dieses Hiatus, den sie offenlassen mußte, mit der dunklen Strenge, die nie nachläßt, zwischen der Realität und dem literarischen Zugriff auf ihren Sinn. Vielleicht könnte der eilfertige Leser und der eilfertige Kritiker sagen, daß in Werken dieses Typs die Beziehung zur Welt und zur Verantwortlichkeit einer politischen Entscheidung ihr gegenüber weitläufig und indirekt bleibt. Indirekt, ja. Aber man muß sich gerade fragen, ob ein indirekter Weg nicht der richtige sein kann, um auf die Welt mit dem Wort und vor allem mit der Schrift einzugehen, und auch der kürzere.

Maurice Blanchot -- Der Name Berlin 

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